Die Tatsachen sind ja bekannt: In Niederösterreich hat ein 73-jähriger Mann seine Tochter 24 Jahre lang im Keller eingesperrt, sie unzählige Male vergewaltigt und sieben Kinder mit ihr gezeugt. Dazu muss man nichts mehr sagen, man hört es ja überall, zu jeder Zeit, wenn man nur Zeitung liest oder den Fernseher einschaltet. Anzunehmen sind jetzt folgend zahlreiche Specials, TV-Dokus und ARD-Sonderwochen zum Thema und natürlich die obligatorischen Politiker, die sich fragen, wie sowas passieren kann und das Strafrecht verschärfen wollen.
Was mich aber am meisten aufregt, ist die Begriffswahl in diesem Fall.
Überall wird vom "Inzestfall" gesprochen, "Inzest" hier und "Inzest" dort (
sueddeutsche.de: "Inzest-Vorwürfe: Österreicherin 24 Jahre im Keller gefangen",
orf.at: "Inzestfall Amstetten",
welt.de: "Inzest in Österreich" um nur einige Beispiele zu nennen). Nun mag das Inzest gewesen sein, aber bitte Leute,
das war doch nicht das Schlimme an dem Fall?! Eine Frau wird gezwungen in Dunkelheit zu leben, wird vergewaltigt und gezwungen, Kinder zu gebären und alles was den Medien einfällt, ist hervorzuheben, dass der Täter ihr Vater war? Bei solcher übermäßiger, einseitiger Fixierung muss man sich fragen, ob die Medien denn ernsthaft glauben, dass es ja nicht so schlimm gewesen sei die Freiheitsberaubung und der Missbrauch über 24 Jahre? Dass es in einem Fall, bei dem das Opfer eine Fremde gewesen wäre, keine Schlagzeile wert wäre?
Oder versuchen sie nur die Gleichsetzung Inzest = Vergewaltigung durchzusetzen und den Leuten einzubrennen? Das wäre natürlich auch eine Erklärung, aber in keinster Weise Wahrheit, wie uns ja erst
der letzte solche Fall bewiesen hat.
Es ist schlimm, mit welcher Wucht die Medien sich allein auf diesen Aspekt einschießen und die wirklich schlimmen Aspekte nur nebenbei erwähnen. Und auf eine andere Sache schießen sie sich ein: Auf die Nachbarn, deren Aufgabe es scheinbar gewesen sei, mitzuprotokollieren, für wie viele Leute der mutmaßliche Täter einkaufen war. Dabei tun alle so, als hätten sie es gemerkt, wenn was faul wäre. Und wenn dann wirklich was faul ist bei ihnen, werden sie genauso sagen, dass sie nichts gemerkt haben. Die wirklichen Schuldigen sind dabei klar: Die Behörden, die keine Fragen stellten und der Täter. Niemand sonst.