Geschrieben von SoWhy in
Die Welt ist Rund , Politik for Dummies , Ready for the real life? | Samstag, 17. Juni 2006 |
Folgende Zeilen stammen von einem Bekannten, der mich gebeten hat, es hier zu posten. Sie stammen nicht von mir. Nur so als Hinweis, ich will kein Lob einheimsen für fremder Leute Arbeit.
Vorrundenspiel Deutschland gegen Polen, Deutschland gewinnt 1:0. Nachdem ich mir das durchaus spannende Spiel mit ein paar Juso-Genossen und Freunden angeschaut habe, beschließen wir uns zu den feiernden Fans in der Stadt zu gesellen. Die Ursprüngliche Idee, gemeinsam Flyer mit der Aufschrift „Rote Karte gegen Rechts“ zu verteilen, scheitert an der geringen Menge der vorhandenen Karten. Trotzdem habe ich ca. 20 Stück dabei, als ich gemeinsam mit einem Freund am Marienplatz stehe und wir den feiernden Fans zuschauen.
Wir warten am Fischbrunnen auf weitere Bekannte, als uns eine Gruppe von besoffenen Nazis auffällt, die auf der anderen Seite des Brunnens grölend „Deutschland, Deutschland“ skandiert, den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben. Relativ ernüchternd ist für uns die Tatsache, dass weitere Fans, die zumindest optisch nicht zu der Neonazigruppe zuzuordnen sind, sich zu den Neonazis gesellen, mit ihnen gemeinsam skandieren und sich von ihren offensichtlichen Gesten nicht im geringsten stören lassen.
Deutschland versinkt im Schwarz-Rot-Goldenen Rausch und lässt sich nur ungern von kritischen Stimmen dabei stören. Die Nazis und Neonazis sehen die Chance, gemeinsam mit der unpolitischen Gesellschaft verkehren zu können, ihren Nationalismus im Fußballpatriotismus Deutschlands zu zeigen und in denselben einfließen lassen zu können. Menschen, die sich daran stören, stehen schnell als Spielverderber und Spaßbremsen da. Gegen Nazis im derzeitigen Alltag Flagge zu zeigen, stellt sich als schwierig und teilweise gefährlich heraus, wie diese Nacht noch zeigen wird. In diesem Falle gelingt es uns allerdings.
Wir machen uns gemeinsam auf die Suche nach offensichtlich links eingestellten Menschen, geben aber bald auf. Letztendlich begeben wir uns zu einem Polizeiwagen des USK und weisen auf das Zeigen verfassungsfeindlicher Kennzeichen durch die Neonazis hin, worauf sich auch sechs USK-Einheiten in Richtung Fischbrunnen in Bewegung setzen.
Da die Rechten inzwischen mit dem Grölen und Grüßen aufgehört haben, postieren sich die Beamten nur zur Beobachtung in der Nähe. Das bringt uns spontan auf die Idee, unsere „Rote Karte gegen Rechts“ an die umstehenden Menschen zu verteilen, auf die Nazis hinzuweisen und Zivilcourage einzufordern. Letztendlich sind es doch nur wir beide, die den Nazis die roten Karten entgegenstrecken. Keiner hat den Mumm, sich seinen Schwarz-Rot-Goldenen Mitfans entgegenzustellen – wahrscheinlich ist auch niemandem klar, dass ihre wahren Farben Schwarz-Weiß-Rot sind.
Nichtsdestotrotz ist es ein Zeichen, das seine Wirkung findet. Auf meinen Freund stürmen zwei der Neonazis zu und werden nur durch das Eingreifen der Polizei davon abgehalten, ihn zu verletzen.
Anschließend werden Platzverweise erteilt. Gegen uns, wegen unserer Provokation, auch wenn der belehrende Beamte unsere Zivilcourage lobt. Die Nazis dürfen bleiben, trotz des offensichtlichen Versuchs der Körperverletzung gegen uns.
Inzwischen sind auch unsere zwei Bekannten da und wir beschließen, gemeinsam in Richtung Leopoldstraße zu ziehen. Unterwegs ärgere ich mich darüber, dass wir uns auf das zeigen der roten Karten beschränkt haben, anstatt mehr Aufmerksamkeit durch Skandieren von „Nazis Raus!“ oder Ähnlichem auf uns zu ziehen. Nichtsdestotrotz haben wir unseren Mann gestanden und lassen uns nun auch von der allgemein vorherrschenden Partylaune anstecken, jagen den in der Leopoldstraße gespielten Bällen hinterher und haben Spaß.
Irgendwann beschließen wir, uns, wie viele andere Fans auch, einfach mitten auf die Leopoldstraße zu setzen und das Treiben zu beobachten.
Wie viele andere Fans auch? Nun, das einzige, was uns von den anderen am Boden sitzenden Fans unterscheidet, ist das weniger vorherrschende Schwarz-Rot-Gold an unserem Körper und das etwas alternativere Aussehen zweier von uns vieren. Das reicht allerdings aus, um von manchen vorbeigehenden Fans als „Zecken“ und „Abschaum“ bezeichnet werden, wir sollen „uns verpissen“.
Die Welt zu Gast bei uniformierten Freunden. Schwarz-Rot-Gold uniformierten Freunden. Wer sich nicht in diese Farben anpasst, steht leicht im Abseits, ist ein Verräter, möge er noch so sehr ein Fan der Deutschen Mannschaft seien.
„Deutschland, Deutschland überall“ nannte es die ARD am Abend des Spiels Deutschland gegen Polen. Zu den weiteren zwei Buchstaben „-es“ fehlt anscheinend nicht viel in dieser Nacht.
Langsam wird es mir wirklich ungemütlich und meine Laune sinkt erheblich. Inzwischen ist einige Zeit vergangen und wir beschließen, zurück zum Marienplatz zu gehen, um dort weitere Bekannte zu treffen. Zwei von uns wollen U-Bahn fahren, ich gehe gemeinsam mit einem meiner Bekannten zu Fuß. Wir unterhalten uns über die Situation, ich äußere die Hoffnung, dass der Schwarz-Rot-Goldene Rausch nach der WM wieder vorbei ist, die Befürchtung, dass dem nicht so sein wird und dass die Hauptprofiteure am rechten Rand sitzen werden.
Auf einmal werden wir von zwei eher neutral aussehenden Typen angesprochen, sie hätten gehört, wir unterhielten uns die ganze Zeit über Nazis, ob wir etwas gegen Nazis hätten.
Ja? Einer meint, er hätte die SS-Rune auf den Körper tätowiert.
Ich bin zu perplex irgendwas zu sagen und nehme den Typen auch noch nicht ganz ernst, mein Begleiter ist auch nicht sehr hilfreich, er will die Rune sehen. Der Typ weigert sich, sie ihm zu zeigen.
Er fragt, wieso wir etwas gegen Nazis hätten. Ich versuche, meine Argumente zusammenzusuchen, währenddessen verweist mein Bekannter auf die Judenvernichtung. Ein Argument, was zwar seine grundlegende Berechtigung hat, mit den aktuellen Neonazis aber glücklicher Weise noch sehr wenig zu tun hat – dachte ich.
Zwischendurch zur Erklärung: Ich bin Atheist, meine Familie ist teils christlicher, teils jüdischer Abstammung, die einzige praktizierende Jüdin in meiner Familie ist meine Schwester. Ich bin mir zwar meinen Wurzeln sehr wohl bewusst, sehe mich allerdings weder als Jude, noch als Christ, da ich an keinen Gott glaube. Trotz allem hat dieses Thema eine sehr hohe Brisanz für mich.
Der Typ meint, die Judenvernichtung sei heute notwendiger als damals, alleine anhand dessen, was die Juden in Jerusalem machen würden. Inzwischen nehme ich ihn ernst. Ich halte ihm entgegen, das Vorgehen des Staates Israel sei nicht das Vorgehen der Juden an sich, sondern das der Regierung eines Staates, genauso wenig wie das Vorgehen Amerikas das Vorgehen aller Christen sei.
Mein Begleiter scheint den Ernst der Lage zu verkennen und „outet“ mich als Mensch mit jüdischer Abstammung. Von da an beginnt eine Abfolge antisemitischer Hetze und Bedrohung, wie ich sie im Deutschland dieser Tage noch nie erlebt habe und nie erwartet hätte.
Der Nazi meint, ich würde heutzutage verdammt gefährlich Leben, auf 100 Glatzen kämen 1000 Leute mit Haaren und den gleichen Vorstellungen. Ich solle jetzt lieber gehen, er würde nicht mit Juden reden, er wolle mit meinem Begleiter alleine reden. Er meint, er könnte mal zeigen, was einer wie er mit einem Juden macht und verlangt von seinem Freund: „gib mir mein Zippo!“ (Feuerzeug). Selbst diesem scheint das zu weit zu gehen, er gibt ihm das Feuerzeug nicht.
Als der Nazi das merkt, deutet er einen Schlag in meine Richtung an. Ich blocke seinen Arm weg, unterlasse aber jede weitere Selbstverteidigung. Wieder fordert er mich zum gehen auf.
Mein Begleiter kapiert nicht, was mir gerade angetan wurde, meint: „geh halt vor zur U-Bahn, ich möchte mit dem noch fertig reden“, worauf der Nazi endgültig Oberwasser bekommt und meint „…wenn du da überhaupt ankommst“.
In diesem Moment, von einer Seite auf Grund meines vermeintlichen Judentums aufs Tiefste gedemütigt, auf der anderen Seite vom vermeintlichen Verbündeten verraten, kann ich nicht mehr. Ich knicke ein. Ich gehe, unfähig mich zu wehren.
Ich habe Angst, unendliche Angst. Ich fühle mich direkt in eine Zeit versetzt, die ich für überwunden gehalten habe. Ich habe mich mit dem Dritten Reich lange befasst, weiß über die Vorgänge des Holocausts genau bescheid und habe auch schon Versucht, mich in die Situation meiner Vorfahren hineinzufühlen. Doch das ist das erste Mal, dass ich am eigenen Leib erfahre, was ihnen Widerfahren ist – diese Situation weckt eine Ur-Angst in mir.
Ich fühle mich gedemütigt, ich fühle mich absolut wehrlos und bedroht. Mein ganzer Körper bebt, als ich davongehe.
Dass so ein Vorfall heutzutage überhaupt passieren kann, verursacht durch Deutsche, die nicht den typischen Neonazi-Stereotypen entsprechen, zeigt, wie sehr gerade zu und nach dieser WM Vorsicht angebracht ist.
Viele Politiker und Medien, allen voran die Bild, haben den WM-Patriotismus als gesund begrüßt. Diese WM-Nacht hat gezeigt, dass der so genannte „gesunde Patriotismus“ leicht als Bühne für Nationalismus, Antisemitismus und die faschistische Ideologie missbraucht werden kann und dies großteils toleriert. Zu hoffen bleibt, dass diese Tendenzen nach der WM wieder einigermaßen abklingen.
Sollte ein wenig von diesem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl auch nach der WM erhalten bleiben, kann das durchaus positiv sein. Es besteht allerdings die Gefahr, dass sich daraus eine neue Dynamik entwickelt, mit der der rechte Rand endgültig Eingang in die Gesellschaft findet und toleriert wird. Ich sehe sorgenvoll in die nächste Zeit.
Anmerkung: Man glaubt es selbst nicht, dass so etwas noch möglich ist in der heutigen Zeit. Die Politik hält die Deutschen zur Zeit gern im Patriotismus, weil es so leichter ist, ihnen riesige Steuererhöhungen unterzujubeln. Ob das eine richtige Entscheidung ist, mag ich bezweifeln...
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Kurz und schmerzlos: bitte mal bei SoWhy vorbeigucken. Der dortige Gastbeitrag zum Münchener Eröffnungsspiel, zu Rechtsradikalismus und Antisemitismus auf offener Straße lässt mir die Kinnlade auf den Schreibtisch fallen. Das ist schmerzhaft.
Aufgenommen: Jun 18, 12:12
Auf die Berichte beim Anti-WM-Blogger hatte ich ja weiter unten schon verwiesen, via Martin M. hier der Link auf Erlebnisse während der WM inmitten Münchens im Blog So Why. Schauerlich. Schlimm. Grauenhaft....
Aufgenommen: Jun 19, 08:40
Was stört an diesem Bild? Genau - abgesehen davon, dass es eine Drecksschleuder ist - stören die Flaggen. Ja, ich bin einer von “denen”. Schimpft mich Spielverderber, Nörgler und was Euch noch einfällt. Aber ich finde die Beflaggung ...
Aufgenommen: Jun 19, 11:15
Es gibt leider dunkle Gestalten in Deutschland. Sehr dunkel. Man kann es kaum fassen, wenn man sowas liest, dass es das wirklich gibt. Lest selbst, was bei SoWhy als Gastbeitrag steht. Lest bitte bis zum Ende, auch wenn es lang ist. Eine Nacht in M...
Aufgenommen: Jun 20, 11:37
Der Erfolg nicht nur der deutschen Nationalelf, sondern auch der gesamtem WM, die in der Welt so frenetisch als eine ganz besondere ausgelobt wird, hat viele Menschen in diesem Land in eine Art patriotistischen Rausch verfallen lassen, in Zuge dessen e...
Aufgenommen: Jun 26, 12:57
Ich bekomme fast schon Entzug, denn schon sind es über 48 Stunden als das letzte Fussballspiel abgepfiffen wurde.Die Zeit soll nicht ohne Fussball verbracht sein, und so hab ich heute den kompletten Teil der SZ-WM-Beilage gelesen. Aber beim Surfen hab i
Aufgenommen: Jun 29, 23:57